Hintergrund zur Ausschreibung Wettbewerb Gedenkstätte für NS-Opfer Schwetzingen 2010

Letzte Aktualisierung 24.1.2013  15:40

 

Zusammenfassung

 

Wie heute aus der Chronologie der Ereignisse und dem Schriftverkehr nachvollzogen werden kann, sind es die wider besseres Wissen gemachten unzutreffenden bzw. irreführenden Angaben in der ersten Wettbewerbsausschreibung 2010 gewesen, die als Grundlage des Scheiterns der Realisierung meines Entwurfes identifiziert werden können. Um unzutreffende Angaben der Stadtverwaltung zu kaschieren, wurde nach dem Wettbewerb im Jahr 2011 die Unkenntnis wesentlicher, historischen Akten im Schwetzinger Stadtarchiv vorgetäuscht. Dabei kann ausgeschlossen werden, dass es sich dabei um ein Versehen handelt: dies weil die Akten, die angeblich erst etwa eine Wochen nach dem Wettbewerb im Februar 2011 in der Stadtverwaltung gefundenen Akten mit Hunderten Namen von Zwangsarbeitern (Dokumente aus der s. gen. "Ausländersuchaktion" 1946) im Stadtarchiv bereits Jahre zuvor bekannt waren. Die Stadtverwaltung bemühte sich im Verlauf des Jahr 2011 mittels einer nachgeschobenen Opferdefinition, die Zahl der Opfer, von ca. 1800 künstlich bis auf 58 zu reduzieren. Damit wird mit einem „Mahnmal“ im öffentlichen Raum der Geschichtsklitterung Vorschub geleistet.
Im Dezember 2011 wurde durch eine offizielle Pressemitteilung der Stadt der Öffentlichkeit die Legende einer „zufällig“ gefundenen "Fluchtkiste" mit Namen von 1550 Zwangsarbeiternamen durch die Schwetzinger Stadtverwaltung bekannt gegeben, womit die Irreführung eine weitere, diesmal öffentliche Dimension erreicht hatte.
Dazu gehört auch, dass seit dem angeblichen Fund der „neuen“ Akten, die Stadtverwaltung die Einsicht in die Akten behinderte. Die Akten zu Zwangsarbeit in Schwetzingen wurden im Juli 2012 aus dem Stadtarchiv entfernt und unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Erforschung in das Geschichtliche Seminar der Universität Heidelberg verlagert, wo sie unter Verschuß gehalten wurden. Bei einem Besuch im Geschichtlichen Seminar am 16.7.2012 wurde uns durch Dr. Cord Arendes der Einblick in die Dokumente nicht erlaubt.

Sowohl der 2. Wettbewerb, als auch die Weitergabe der Akten, die zu "eingehenden Erforschung" nach Heidelberg verlagert wurden, wurden mit der Unkenntnis der Opferzahlen begründet. Diese kann jedoch als untaugliche Schutzbehauptung enttarnt werden.
Sie zählt zu einer Serie von Merkwürdigkeiten, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Projekt zieht. Die Entstehung des "Mahnmal für  des Nationalsozialismus in Schwetzingen" ist ein Beispiel für Methoden, mit denen die Sicht auf die Vergangenheit in unserer Gegenwart vernebelt wird.  

 

Weitere Einzelheite:

 

Um die Nachvollziehbarkeit der Ereignisse auf diesen Seiten zu verbessern, ist eine neue Seite mit Chronologie, Erläuterungen und einer Presseseite in Vorbereitung.


Nach der Entscheidung des Schwetzinger Gemeinderates im 2. Wettbewerb vom 27.9.2012 ein "Mahnmal"
entsprechend des Entwurf von Matthias Braun mit dem Titel "Spiegel der Geschichte" zu realisieren, die als Plagiat der Kernidee meines Entwurfes erkannt werden könnte, wurden auf dieser Seite die folgenden Punkte (siehe weiter unten) zur Erläuterung der heutigen Projektsituation zugefügt:

 

3) Ergebnis des 2. Wettbewerbs

4) Plagiat

5) Behinderung der freien Forschung

6) Einweihung des Mahnmals am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.1.2013

7) Link zu den Texten im Web des Forschers Frank Uwe Betz, der sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Zwangsarbeit und Antisemitismus in Schwetzingen wissenschaftlich beschäftigt und auch in Buchform publizierte.

 

 

Nachdem Anfragen zum Verständnis der Entwicklungen um die gescheiterte Realisierung meines Projektes in Schwetzingen bei mir in den Wochen vor dem 2. Wettbewerb angekommen sind, wurden hier vertiefende Erläuterungen zum Geschehen im Zusammenhang mit dem 1. Schwetzinger Wettbewerb gemacht.

 

Dem Interessierten Publikum, den Künstlerkolleginnen und Kollegen  sollen hier Informationen und Erfahrungen vermittelt werden, die ihnen helfen sollen zu entscheiden, ob sie sich bei dem seit dem 2.2.2012 neu ausgeschriebenem Wettbewerb beteiligen wollen oder nicht, weil man als Ortsfremder meistens nicht erkennen kann, was sich hinter einer Ausschreibung verbirgt und ob die Schaffung einer öffentlichen Gedenkstätte für die Opfer des NS-Regimes ernst gemeint ist, oder nur eine Alibiveranstaltung darstellt.

 

Vorab kann zu der neuen Ausschreibung 2012 zusammenfassend gesagt werden:

1) Die neue Ausschreibung erwähnt nicht, dass es in Schwetzingen auch Euthanasie-Opfer gab, obwohl es diese nach Aussage der Stadtverwaltung auch geben haben sollte.

2) Verschwiegen wird den Künstlern als potentiellen Bewerbern am neuen Wettbewerb, dass die Stadtverwaltung bereits 2010 einen Kunstwettbewerb mit 65 TeilnehmerInnen veranstaltete. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Wettbewerbs hat sie die Realisierung der ausgewählten Projektes jedoch verhindert, nachdem ich als Künstler, ernsthafte Widersprüche zwischen der Ausschreibung und der mir vorgelegten Daten entdeckte und danach nicht bereit war die Gedenkstätte Schwetzingen nach unzutreffenden historischen Vorgaben aufzubauen.

Ein solches Denkmal sollen jetzt die Teilnehmer des 2. Wettbewerbes entwerfen und bis 27.Januar 2013 realisieren. Dadurch wird im öffentlichen Raum ein Kunstwerk entstehen, das der Geschichtsklitterung Vorschub leistet und diese auch legitimiert.

 

3) Das Ergebnis des zweiten Wettbewerbs ist eine Arbeit mit dem Titel „Spiegel der Geschichte”, nach dem Entwurf des Künstlers Matthias Braun, die nun am 27.1.2013 in Schwetzingen eingeweiht werden soll. Sie erfüllt die neuen Vorgaben der Stadt, indem lediglich etwa 60 Namen der Toten in dem „Mahnmal” genannt werden. Während die Stadt die Kosten der Würdigung der mehr als 1700 weiteren NS-Opfer im Rahmen des öffentlichen Mahnmals spart, feiern sich die Mahnmal-Ausrichter mit der folgenden, in das „Mahnmal” integrierten Widmungsinschrift selbst und setzen sich ein eitles Denkmal: Im Gedenken an die Schwetzinger Opfer des Nationalsozialismus und zur Mahnung an die Wahrung der Demokratie, der Menschenrechte und der Grundrechte. Für die Schwetzinger Bürgerschaft – Der Gemeinderat und der Oberbürgermeister am 27. Januar 2013”.

 

4) Plagiat - Zu allem Überfluss an Problemen mit diesem fragwürdigen „Erinnerungsprojekt” wird in dem nun ausge­wählten Konzept „Spiegel der Geschichte” eine Kernidee meines ursprünglichen Entwurfes für diesen Ort – die Spiegelung der Besucher und der Umgebung in den Edelstahlspiegelflächen – plagiiert.

Im Unterschied zu den Spiegelflächen, in meinem Entwurf, sollen die Edelstahlspiegel eine Familie aus 40er Jahren, in Form von vier Lebensgroßen Menschensilhouetten, darstellen.

96% der 1800 namentlich bekannter Opfer des NS-Regimes bleiben in diesem öffentlichen „Mahnmal” unbenannt. Das Bekenntnis zu den meisten NS-Opfern und deren Namen, die in meinem Entwurf in die Spiegelflächen aus Edelstahlblech eingraviert werden sollten, fehlt jedoch,

Konnte hier ein durch die öffentliche Hand ausgetragener Kunstwettbewerb 2010 zu einer kostenlosen Quelle der Ideen aus dem ersten Wettbewerb missbraucht werden?

 

5) Behinderung der freien Forschung

Sämtliche Akten, die die NS-Zwangsarbeit betreffen, wurden im Juli 2012 aus dem Schwetzinger Stadtarchiv entfernt und an die Uni-Heidelberg verlagert. Durch diesen Schachzug wird die Freiheit der Forschung behindert. Denn durch diesen Aktentransfer wurden uns, denjenigen, die durch Kenntnis der Hintergrundfakten bedingt, die Rolle der Stadtverwaltung bei diesem Projekt kritisch sehen und sich um die Klärung der Hintergründe der erstaunlichen Vorgänge unabhängig von der Stadtverwaltung bemühen, der Zugang zu den Akten durch die Stadtverwaltung unmöglich gemacht. Mit der Begründung einer "eingehenden Erforschung der Zwangsarbeit"... in Schwetzingen ..."auf politisch völlig neutraler Ebene”, wie die Schwetzinger Zeitung am 11.7.2012 berichtete, wurden die Akten unter die Obhut von drei Geschichtsprofessoren der Uni Heidelberg gegeben. (Prof. Dr. Frank Engehausen, Dr. Cord Arendes und Prof. Dr. Edgar Wolfrum). Unter der Berufung auf einen Werkvertrag mit der Stadt wurde uns auch dort am 16.7.2012 die Einsicht in die Unterlagen durch Dr. Cord Arendes verweigert, nachdem in den Monaten zuvor erst das Stadtarchiv den Einblick nicht ermöglichte.

 

6) Einweihung des Mahnmals am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.1.2013
Mit der geplanten Einweihung eines solchen Mahnmals im öffentlichen Raum, dessen Kern sowohl im Verschweigen von NS-Opfern, als auch in irreführenden nicht transparenten Informationen an die Öffentlichkeit besteht, wird meiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit des Gedenktages an dieser Stelle infrage gestellt. Das Andenken, das den Opfern an diesem Tag zuteil werden soll, verkommt damit zu einer Farce.

 

 

 

Erläuterungen zur Ausschreibung 2010

Aus den Inhalt des seit April 2010 entstandenen Schriftverkehrs mit der Stadtverwaltung Schwetzingen und aus verschiedenen Presseverlautbarungen der Stadtverwaltung sehe ich dieses Projekt als eine amtlich verordnete Geschichtsklitterung mittels eines Kunstwerks im öffentlichem Raum in dem nach sehr fraglichen nachträglichen Definition die Namen von 96 % der Opfer ausgesondert wurden.
Die Behinderung der Informationen der Öffentlichkeit über das Projekt, stellt die Transparenz der Entscheidungsprozesse in der Gesellschaft und dadurch auch die Grundlagen unserer Demokratie in Frage.

 

 

Text der Wettbewerbsausschreibung vom April 2010:   Hintergrund, Kommentare und Erläuterungen

Fotomontage Stadt Schwetzingen

      

Fotomontage M.Deiml

Mahnmal in Schwetzingen - Ausschreibung:

 

Die Stadt Schwetzingen plant im Rahmen der Umgestaltung öffentlicher Plätze die Errichtung eines neuen Mahnmals zum Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes. Bislang erinnern ein Mahnmal der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) auf dem Friedhof an die Opfer des Nationalsozialismus sowie eine Gedenkstätte in der Zeyherstraße an die Deportation einzelner jüdischer Mitbürger nach Gurs im Jahr 1940.

 

Die Stadt Schwetzingen will nun allen Opfern des nationalsozialistischen Terrors gedenken, vor allem den 89 vertriebenen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, von denen 20 ermordet wurden. Ebenso ermordet wurden die politischen Gegner der Nazis, Widerstandskämpfer, vereinzelt auch Homosexuelle und Opfer von Denunziationen.  Zahllose ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene aus Frankreich, Italien, Niederlanden, Polen, Russland und der Ukraine wurden in Schwetzingen als Zwangsarbeiter missbraucht

 

Die Geschichte der Nazi-Zeit in Schwetzingen ist dank der Arbeit des Schwetzinger Geschichtsvereins und durch Recherchen in diversen Archiven mittlerweile weitgehend erforscht. Mindestens 350 Opfern sind bisher namentlich bekannt. Dieses Wissen soll nun in einem Mahnmal an zentraler Stelle im Stadtgebiet neben dem Rathaus visualisiert und künstlerisch umgesetzt werden, wobei die Namen der Opfer genannt werden sollen/können.

 

Gesucht werden Entwürfe zu Skulpturen, Plastiken oder Installationen, die das Thema und seine Problematik ästhetisch eindrucksvoll umsetzen können. Alle Materialien wie auch moderne Medien sind möglich, nur sollten dabei Aspekte wie dauerhafte Stabilität, Stand- und Wetterfestigkeit, Verkehrssicherheit und leider auch Vandalismus berücksichtigt werden. Für die Umsetzung des Mahnmals sind 25.000 € incl. Material, Transport, Aufbau und Honorar budgetiert. Das Projekt wird vom Kulturamt der Stadt betreut und vom künstlerischen Leiter des Kunstvereins Schwetzingen kuratiert, der eine Vorauswahl der Bewerbungen trifft, über die dann der Gemeinderat letztlich entscheiden wird.

Bewerbungen mit Entwürfen (bitte keine Modelle), Kostenplanung und kurzer Vita bitte bis zum 28.2.2010 an den Kunstverein Schwetzingen, Dr. Dietmar Schuth, Stichwort Mahnmal, Postfach 1555, 68705 Schwetzingen oder an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

 

Die Wettbewerbsausschreibung der Stadt Schwetzingen wurde in der Zeitschrift „ATELIER“ Nr. 2/10 im April 2010 auf der Seite 7 veröffentlicht.


Die Wettbewerbsausschreibung enthält eine Definition des Opferbegriffs, eine Angabe der Zahl der namentlich bekannten Opfer sowie die Feststellung: „Die Geschichte der Nazi-Zeit in Schwetzingen ist dank der Arbeit des Schwetzinger Geschichtsvereins und durch Recherchen in diversen Archiven  mittlerweile weitgehend erforscht.“

 

Nach Abschluss des Wettbewerbs, als es um die Realisierung der Gedenkstätte ging, stellte ich fest, dass es in der Ausschreibung einige Angaben und Behauptungen gegeben hatte, die nicht den Tatsachen entsprachen.

 

A) "Geschichtsverein"

Der „Schwetzinger Geschichtsverein“, von dem man aus der Ausschreibung verstehen könnte und annehmen würde, dass dessen Arbeit, Erfahrung und Fachwissen in die Ausschreibung eingeflossen sein sollte, ist nicht bekannt.

 

Es gibt jedoch den Arbeitskreis Freundliches Schwetzingen - Verein für regionale Zeitgeschichte e.V. (AFS). Dieser hatte zusammen mit den Gewerkschaften ver.di Rhein-Neckar und GEW Rhein-Neckar bereits im Jahr 2005 bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an die örtlichen NS-Opfer eine Resolution verabschiedet, in der die Errichtung eines Denkmals für diese Opfer und die NS-Verfolgten in Schwetzingen angeregt wurde. Mitglieder dieses Arbeitskreises, Frank-Uwe Betz und Anton Kobel, haben sich in verschiedenen Publikationen zum Thema Schwetzingen in der Zeit von 1933 bis 1945 wiederholt wissenschaftlich geäußert.

 

Die Schwetzinger Stadtverwaltung übernahm zwar vom AFS die Idee der Errichtung eines Gedenkortes, hat jedoch nach Auskunft des AFS seit 2009 die Zusammen-arbeit in der Sache mit dem Arbeitskreis eingestellt; die Mitglieder des AFS wurden dabei von Seiten der Stadtverwaltung weder in die Vorbereitung des Kunstwettbewerbes noch in die Entscheidung im Januar 2011 oder danach eingebunden.

 

Stattdessen gab der Schwetzinger Oberbürgermeister Dr. Pöltl das Projekt als sein eigenes aus, wenn er in einer E-Mail an mich vom 10. August 2011 einerseits meine Bitte um die Einbeziehung des Gemeinderates in die Gespräche über die Lösung der Probleme des Projektes ablehnte und gleichzeitig andererseits über sich selbst und das Projekt schrieb, dass „...dieses Projekt ein sehr persönliches ist, das ich auf den Weg gebracht habe. Ohne meine Initiative hätte es dieses Projekt nicht gegeben. Das Projekt steht und fällt auch mit meiner Person.”

 
 
Fortsetzung der Kommentare und Erläuterungen

B) Zahl der namentlich bekannten Opfer, die in der Gedenkstätte genannt werden sollten

Sie wurde in der Ausschreibung mit mindestens 350 angegeben, davon waren 89 Juden.

Diese wirklichkeitsfremde, niedrige Zahl der namentlich bekannten Opfer wurde offensichtlich völlig willkürlich angesetzt. Die Zwangsarbeiter waren keineswegs eine namenlose Masse, die man in der Ausschreibung als „zahllose ausländische ZIVILarbeiter und Kriegsgefangene“ beschrieben hat. Denn bei der Informationsveranstaltung am 31. Januar  2012 im Palais Hirsch in Schwetzingen wurden von Herrn Betz Dokumente vorgestellt, die darlegten, dass im Stadtarchiv bereits lange vor der Ausschreibung und dem Beginn des Wettbewerbs ein Aktenfaszikel aus dem Jahr 1946 vorlag und einsehbar war, in dem mehrmals so viele Namen wie in der Ausschreibung angegeben verzeichnet waren. Bei den vorgestellten Dokumenten handelte es sich merkwürdiger Weise um die gleiche Art von Namenslisten aus dem Jahr 1946, die dann nach dem Wettbewerb im Februar 2011 angeblich zufällig in einer „Fluchtkiste“ gefunden werden sollten.
Daraus folgt, dass die Nennung der irreführenden Zahl von 350 als Gesamtzahl der namentlich bekannten Opfer durch den Bauherrn der Gedenkstätte für die NS-Opfer nur aus einem unbegreiflichen Ignorieren der im Stadtarchiv verfügbaren Unterlagen über die Zwangsarbeiter erklärt werden kann.

Es würde aber auch bedeuten, dass um auf die Zahl von 350 zu kommen, noch bevor der Wettbewerb überhaupt angefangen hat, müsste der Auslober ausschreibungswidrig aus den im Archiv gelagerten Namen zuvor eine willkürliche Vorauswahl nach noch bisher unbekannten Kriterien vornehmen, obwohl laut Ausschreibung alle namentlich bekannten Opfer in der Gedenkstätte genannt werden sollten.

 

Die Akten mit detaillierten Namenslisten, von denen es einige Mehrfertigungen geben soll, stammen aus dem Jahr 1946. Sie wurden im Jahr 2009 dem Politologen Betz im Schwetzinger Stadtarchiv zum Studium vorgelegt. Daraus folgt, dass es sich bei den Listen in der Akte, die nach Darstellung der Stadtverwaltung erst angeblich im Februar 2011 „zufällig“ in einer „Fluchtkiste“ gefunden wurden, höchstens um eine zusätzliche Mehrfertigung der zusammengebundenen Listen von 1946 handeln kann.

Deshalb kann es sich bei den nun offiziell zugegebenen 1550 Zwangsarbeiternamen mitnichten um eine Überraschung oder Neuentdeckung handeln, durch die für die Stadtverwaltung eine völlig neue Sachlage entstanden wäre. So aber wurde der „Zufallsfund" der Öffentlichkeit und dem Gemeinderat erst viele Monate später offiziell präsentiert, und als Argument die Realisierung des Entwurfs von M. Deiml zu verhindern, missbraucht. Die Verhinderung wurde mit vielfältigen, oft zweifelhaften, pauschal angewandten Begründungen gerechtfertigt, ohne dass man bei der Stadtverwaltung erkennen ließ, sich ernsthaft darum zu bemühen, die anstehenden Probleme zu lösen, sie lösen zu wollen, und dafür auch unabhängige Fachleute wie den Datenschutzbeauftragten des Landes zu konsultieren.

Die Geschichte der ominösen „Fluchtkiste“ ist symptomatisch für die gravierenden Ungereimtheiten des gesamten Projektes: Dazu gehören bereits die Tatsachen, dass:
1) die Öffentlichkeit über die Entdeckung der angeblich „neuen Dokumente“ erst nach mehr als 10 Monaten, im Dezember 2011, unterrichtet wurde, und
2) die Angaben zu den angeblichen Fundorten der Kiste sich diametral widersprachen. (Fundortangaben: KELLER des Rathauses oder der DACHBODEN des Ordnungsamtes.)

Wenn die Angelegenheit nicht so ernst wäre und nicht die so genannte Vergangenheitsbewältigung betreffen würde, könnte man die Geschichte, der nur wenige Tage nach dem Wettbewerbsende aufgetauchten „Fluchtkiste“ mit den Akten, auch als eine Legende betrachten. Über den möglichen Sinn einer tragi-komischen Schatztruhe-Inszenierung, in der man im Rahmen eines Kunstwettbewerbs die Existenz (wahrscheinlich) seit langem bekannten, genau bezifferbaren Inhalten erst irreführende und ungenaue  Angegeben gemacht hat, damit dann, nach einem „zufälligen“ Fund von Akten die Inhalte zu einem „passenden“ Zeitpunkt der Öffentlichkeit als neue Erkenntnisse dargerlegt werden, kann man in diesem tragischen historischen Zusammenhang nur spekulieren. Vielleicht könnte man auf dieser Weise die Soll-Abbruchstelle des Projektes präsentieren. Der uninformierten Öffentlichkeit und dem Gemeinderat konnte man in einem Überraschungscoupe „plausibel“ machen, dass die „unerwartete“ Steigerung der Zahl der zu nennenden Opfernamen von 350 auf 1800 für die Stadt u.a. deshalb nicht umsetzbar sei, weil es der Stadtverwaltung nach so vielen Jahren nicht zumutbar sei, nach den (jahrzehntelang ignorierten) Opfern zu forschen.

Kann die Entscheidung des Gemeinderates, der am 2. Februar 2012 beschloss, einen neuen Wettbewerb im Jahr 2012 auszuschreiben, in so ein Szenario passen?

 

C) Definition der Opfer

Eine weitere nachträgliche Manipulation, die nicht nur den Wettbewerb betrifft, sondern auch generell die Bewertung der historischen Tatsachen, stellt die nicht nur in meinen Augen skandalöse Neudefinition des Opferbegriffs dar, die mir im Juli 2011 von der Stadtverwaltung mitgeteilt wurde und auch in dem neuen Wettbewerb 2012, der jetzt ausgelobt wurde, durchgesetzt werden soll.
Sie führte dazu, dass nicht nur die Namen von mind. 1750 Überlebenden unter Vorgabe unlösbarer juristischer Hindernisse aus der geplanten öffentlichen Gedenkstätte verbannt werden sollten, sondern auch dazu, dass die Namen einiger vor 1945 verstorbener jüdischer Bürger/innen, deren Lebensgeschichten die Zustände in der Stadt Schwetzingen zwischen 1933 und 1945 mit dokumentieren würden, im öffentlichen Raum unsichtbar bleiben müssten.
Diese willkürliche nachträgliche Selektion der Opfer wird aus der Gegenüberstellung zweier vom städtischen Archiv zur Verfügung gestellter Dokumente offenbar: Dabei handelt es sich einerseits um eine umfangreiche Tabelle mit den Namen von insgesamt hundert toten und überlebenden Schwetzinger jüdischen Bürgern, die bereits im Jahr 2004 durch eine Forschungsarbeit entstanden ist und zum Vergleich zur Verfügung stand, und andererseits um die von der Stadtverwaltung zusammengestellte „endgültige Opferliste“ vom Juni 2011 mit den Namen von 58 Toten, deren alleinige Nennung in der Gedenkstätte, im öffentlichen Raum die Stadtverwaltung nun vorsieht.

Diese Fakten verdeutlichen die mangelnde Transparenz des Projektes und eine Vielzahl von Ungereimtheiten sowie Hindernissen, die die Schwetzinger Stadtverwaltung, trotz anders lautenden öffentlichen Proklamationen, der Entstehung der Gedenkstätte in den Weg gestellt hat, nachdem ich der Stadtverwaltung am 1.3.2011 und 13.5.2011 mehrere mit Bildsimulationen dokumentierte machbare Lösungen der Gedenkstätte für alle 1800 namentlich bekannten Opfer präsentierte.

 

Neueste Entwicklungen im Projekt
 
 
 

1) Zwei Tage nach der Informationsveranstaltung im Palais Hirsch am 31.1.2012, bei der nur zwei Stadträtinnen sich zu informieren kamen, fand am 2.2.2012 eine Gemeinderatssitzung statt, die über das weitere schicksal des Projektes entscheiden sollte.

Bei einer öffentlichen „Bürgerfragestunde” zu Beginn dieser Sitzung, die der Bevölkerung Transparenz der Vorgänge demonstrieren soll, wurde OB Dr. Pöltl durch ein Vorstandsmitglied des AFS gefragt, wer die Ausschreibung zu verantworten gehabt habe und warum darin unzutreffende Vorgaben gemacht worden seien. Dr. Pöltl entgegnete öffentlich, dass er diese Frage nicht beantworten werde, „weil es der Sache nicht dienlich ist“!!

Keine(r) der Schwetzinger Stadträte hat diese Art und Weise der Behandlung von fragenden Bürgern beanstandet oder sogar dagegen protestiert, obwohl es hier um die Entstehung einer Gedenkstätte geht, in der laut der Zweckbestimmung im Gemeinderatsbeschluss unter anderem auch die „Wahrung der Demokratie“ angemahnt werden soll.


Bei dem Vortrag der Stellungnahmen der Stadträte in der Aussprache zur Sache der Gedenkstätte stellte der Stadtrat S. Abraham dem Oberbürgermeister u.a. die Frage, wann dieser über mögliche Mehrkosten des Projektes erfahren hat. Die Antwort des OBs: "am „1.März 2011“, trifft nicht zu. Denn er wurde bereits am Rande der Bürgerversammlung am 30.11.2010, bei der die vier Arbeiten, die in engere Wahl gekommen sind vorgestellt wurden, also 2 Monate vor der Entscheidung des Gemeinderates am 27. Januar 2011, von mir informiert. Dabei habe ich ihn in Kenntnis gesetzt, dass die Realisierung meines Entwurfes voraussichtlich teuerer als vorgesehen wird, weil das Basaltmaterial, vor allem die etwa 2,5 m hohen Basaltsäulen wegen der nicht Verfügbarkeit dieses Materials aus deutscher Produktion, wesentlich teuerer
aus dem Ausland eingeführt werden müssten. Mein Antrag auf ein Projektstipendium den ich bei einer bundesdeutschen Stiftung gestellt habe, hat er begrüßt und kündigte auch eigene Spendensammlung der Stadt an. Die mögliche Überschreitung des Budgets spielte bei der Januarentscheidung des Gemeinderates über den Wettbewerb keine Rolle.


Bei der Abstimmung des Gemeinderates zur Ausrichtung des neuen Wettbewerbs am 2.2.2012, haben lediglich die Stadträte, die sich zuvor von sich aus im Vorfeld der Gemeinderatsitzung ihre Meinung auch bei der Infoveranstaltung des AFS am 31.1.2012 über die Projektentwicklung gebildet haben, stimmten dagegen. In ihren Statements vor dem Gemeinderat haben sie teilweise auf die mangelnde Transparenz in der Vorgehensweise der Stadtverwaltung hingewiesen.

 

Der Schwetzinger Gemeinderat hat bei der Sitzung dem Vorschlag der Stadtverwaltung zugestimmt, einen neuen Kunst-Wettbewerb auszuschreiben und erneut Künstler aufzurufen der Stadt konkrete künstlerische Entwürfe zu unterbreiten.
Aus Sicht der professionell arbeitenden KünstlerInnen ist es wichtig zu wissen, dass weder im Vorschlag des OBs noch im Beschluss des Gemeinderates zur Ausrichtung eines neuen Wettbewerbes etwas über eine Entschädigung der Künstler für ihre Arbeit, außer dem Realisierungs-Honorar, der in der Summe von 25.000 € für Material, Transport, Installation und Mwst.  inbegriffen sein müsste,  gesagt wurde. Man erwartet nach dem auf sehr zweifelhaften Art und Weise zu ende gegangenem Wettbewerb von den beteiligten Künstlern offensichtlich wieder kostenlose Arbeit.
Ich selbst habe seit April 2010 neben den Besuchen und Besprechungen in Schwetzingen sehr viel Kreativität und Zeit in die Ausarbeitung der Aufgabe und in die umfangreiche Korrespondenz mit der Stadtverwaltung, in der ich mich um Lösungen bemüht habe, investiert. Für diese Arbeit wurde ich bisher nicht bezahlt und soll laut OB Dr. Pöltl auch künftig nicht entschädigt werden.

Wenn jemand für seine Tätigkeit an dem „Mahnmalwettbewerb“ in Schwetzingen außer den Angestellten der Stadtverwaltung bezahlt wurde, dann wahrscheinlich nur der Leiter des Schwetzinger Kunstvereins, Dr. Dietmar Schuth, der auch durch den neuen Beschluss des Gemeinderates für den zweiten Wettbewerb als Kurator offiziell bestimmt wurde.

 

Wahrscheinlich wird wieder in den Fachzeitschriften wie ATELIER oder anderen Medien durch die Vermittlung der Künstlerverbände eine Anzeige der Stadt erscheinen, um professionelle Künstler dazu zu animieren, sich erneut am neu ausgeschriebenem Wettbewerb zu beteiligen.
Auf Grund der von mir mit diesem „Kunst-Projekt“ bisher gemachten Erfahrungen kann man annehmen, dass die meisten Künstler-KollegInnen, die sich dabei bewerben möchten, ohne Honorar an etwas arbeiten werden, was die verzerrte Darstellung der Stadtgeschichte, die zum Abbruch der Realisierung der 2011 ausgewählten Arbeit führte, in einem neuen Kunstwerk im öffentlichen Raum fortsetzt. Denn sie sollen ein Kunstwerk schaffen, das laut der Vorgaben der Stadtverwaltung offen namentlich weniger als nur 4 Prozent der tatsächlich bekannten Opfer, welche die Stadtverwaltung auswählt, würdigen darf.

Als Neuheit soll hingegen zu der Aufgabe der Künstler gehören, in das neue Kunstwerk im öffentlichen Raum eine Inschrift zu integrieren. Der von der Stadtverwaltung für die Neuausschreibung des Wettbewerbs vorgegebene Text, gibt keine konkrete Angaben zum Geschenen vor Ort an. Statt dessen hüllt sich dieser in nebulösen formelhaften Formulierungen, wobei sich der Oberbürgermeister und sein Gemeinderat in diesem Denkmal selbst feiern lassen. Der Text lautet nämlich wie folgt:

Im Gedenken an die Schwetzinger Opfer des Nationalsozialismus und zur Mahnung an die Wahrung der Demokratie, der Menschenrechte und der Grundrechte. Für die Schwetzinger Bürgersc

haft - Der Gemeinderat und der Oberbürgermeister am 27. Januar 2013".

 

An Peinlichkeit und Unglaubwürdigkeit ist ein solches „Erinnerungsprojekt“ in meinen Augen kaum zu überbieten!

 

Zur Infoseite Mahnmal Schwetzingen

Zur Konzeption Entwurf Michael Deiml